Jonas Bodenmüller: Praktikum am Gleimhaus Halberstadt
Ich habe mein Praktikum, welches im Rahmen meines Studiums „Kulturen der Aufklärung“ stattfand, im Frühjahr 2025 im Gleimhaus unter der Betreuung von Frau Dr. Ute Pott absolviert. Das 1862 gegründete Gleimhaus gehört zu den ältesten Literaturmuseen Deutschlands. Neben einer Dauerausstellung zu Gleims Leben verfügt es über ein Archiv und eine Bibliothek. Die Sammlung der Institution basiert auf dem Nachlass des Dichters und Netzwerkers Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803), der von 1747 bis zu seinem Tod, ineben diesem Gebäude in Halberstadt gelebt hat. In den historischen Beständen finden sich neben einer umfangreichen Porträtsammlung, dem bekannten „Freundschaftstempel“, auch zahlreiche literarische Nachlässe von einflussreichen Autoren wie Lessing oder Kleist.
Meine Hauptaufgabe bestand darin, ein bisher unbearbeitetes Stammbuch zu erschließen. Frau Dr. Pott bat mich darüber hinaus, eine Art „Prototyp“ für weitere Stammbucherschließungen zu entwerfen, der für kommende Erschließungen angewendet werden kann. Vor dem Projekt hatte ich keine Erfahrungen mit dem Transkribieren von historischen Handschriften.
Ein Stammbuch ist der Vorläufer eines Poesiealbums oder - moderner bezeichnet - eines Freundschaftsalbums. Ursprünglich aus adligen Kreisen stammend, verschob sich die Trägerschaft im 17. und 18. Jahrhundert in das studentisch-akademische Milieu. Das Stammbuch fungierte als ‚literarischer Erinnerungsort‘, meistens an die Studienzeit des Buchbesitzers.
Zu den Inskribierten gehörten Kommilitonen, Professoren, Verwandte oder Freund:innen, aber auch bekannte Persönlichkeiten. Inhaltlich befassten sie die Einträgemeistens mit dem Zelebrieren der Freundschaft und der Tugend bzw. dem tugendhaften Leben. Im 17. Jahrhundert wurden die meisten Einträge auf Latein verfasst, dies änderte sichaber im Verlauf des 18. Jahrhunderts.
Ein Eintrag in einem Stammbuch besteht im Normalfall aus zwei Teilen. Dem Textteil, mit einem weitreichenden Spektrum von Einträgen von selbstverfassten Gedichten über Trinksprüche bis zu mehr oder weniger bekannten Zitaten von berühmten Persönlichkeiten, sowie dem Paratext, der Widmung, in den der Inskribent seinen Namen sowie den Ort und das Datum eintrug. Gegebenenfalls kann noch eine Beigabe hinzukommen, meistens eine allegorische Zeichnung.
Das von mir erschlossene Stammbuch gehörte einem gewissen A. Carl Gottfried Lezius, deraus Ballenstedt, einer Kleinstadt in der Nähe des Harzes, stammte. Es ermöglicht einen spannenden mikrohistorischen Einblick in seine Jugendjahre. Über ihn darüber hinaus ist leider wenig bekannt bzw. überliefert. Durch Vorarbeiten, die im Gleimhaus geleistet wurden, konnte ich Folgendes über ihn erfahren: A. Carl Gottfried Lezius war der Sohn des Ballenstedter Hofchirurgen Eusebius Lezius. Carl Gottfried selber war Apotheker und lebte von 1769-1831. Die Einträge entstanden in den Jahren von 1787 bis 1794. Sie stammen alsoaus dem 18ten bis 25ten Lebensjahr von Carl Gottfried.
Bevor ich die Ergebnisse der Erschließung erläutere, will ich zunächst meine Vorgehensweisebeim Transkribieren vorstellen und gleichzeitig erklären, warum ich denke, dass Stammbücher einen optimalen Einstieg in das Erlernen von Handschriftranskriptionen bieten.
Ich bin bei meiner Erschließung schrittweise vorgegangen und habe am Anfang vor allem die Paratexte betrachtet. Dort sind die Orts- und Namensangaben häufig in lateinischen Buchstaben geschrieben. Außerdem sind sie floskelähnlich aufgebaut und es kommt zuzahlreichen Wiederholungen. Beispielsweise kommt der Satz „Gedenken sie unserer Freundschaft“ in zahlreichen Einträgen vor. All das erleichtert die Erschließung. Nach derformalen Erfassung des Eintrags bin ich den Textteil Wort für Wort durchgegangen. Anschließend habe ich versucht, die Einträge als Ganzes zu lesen, um so aus dem Kontext diebisher fehlenden Wörter zu erschließen. Während des Transkriptionsprozesses hat Frau Dr. Pott meine bisherigen Ergebnisse immer wieder gegenlesen. Das empfand ich als sehr wichtig, weil man so schon zu Beginn der Erschließungsarbeit Erfolgserlebnisse hat und auchden eigenen Fortschritt aufgezeigt bekommt. Außerdem konnte sie mir dabei dieverschiedenen Spezifika der Handschriften des 18. Jahrhundert direkt an einem Beispielzeigen und erklären.
Der Literaturtypus des Stammbuches bietet meiner Meinung nach zahlreiche Vorteile für dasErlernen des Handschriftenlesens. Die pragmatischen Texte sind aufgrund des ähnlichen Aufbaues, der Kürze und der übergreifenden Thematik der Freundschaft und der Tugend intuitiv erschließbar. Anders als z.B. bei der Erschließung eines Briefwechsels, wo es klassischerweise nur zwei Handschrien gibt, muss man sich bei der Stammbucherschließung mit einer ganzen Handvoll verschiedener Schriftarten auseinandersetzen. Das hat zum Vorteil, dass man sich zunächst die leicht erschließbarenEinträge mit gut lesbarer Handschrift auswählt und sich von dort zu den schwer lesbaren Einträgen vorarbeiten kann.
In dem von mir bearbeiteten Stammbuch gibt es insgesamt 94 Einträge, darunter 7 mit Beigaben, auf 231 Seiten. Die Einträge entstanden in einem Zeitraum von 1787 bis 1794 und stammen von 10 unterschiedlichen Orten. Ballenstedt und Berlin kommen dabei am häufigsten vor, aber auch aus Kalbe, ein Ort im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt, ausdem Jahr 1789, sowie Landsbergs im Saalekreis 1794, stammen verhältnismäßig viele Einträge. Wenn man sich die Geschlechterverhältnisse anguckt, stammen 58 der Texteinträge von männlichen und 24 von weiblichen Inskribenten. Die anderen Einträge sind entweder Beigaben oder das Geschlecht ist nicht eindeutig identifizierbar. Als einzige bekannte Person ist die Autorin Anna Louisa Karsch mit einem Eintrag vertreten. Auch der relative hohe Anteil an Verwandten ist auffällig.
Doch was kann man aus diesen Zahlen schließen? Erstmal muss festgestellt werden, dasshier kein klassisch-männliches Studentenstammbuch vorliegt. Es weicht in zahlreichen Aspekten ab. Der verhältnismäßig hohe Frauenanteil lässt sich gut in eine Entwicklungeinordnen, die von dem Germanist Werner Wilhelm Schnabel beschrieben wird. Dieser spricht von einer Feminisierung-Tendenz in der Literatur seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, die sich auch auf Stammbücher überträgt. Ähnliches gilt für die geringe Anzahl anberühmten Persönlichkeiten, die sich in das Album eingetragen hat. Schnabel spricht voneiner Verschiebung der Inskribenten:innen „zunehmend auf die Familie und die Verwandtschaft sowie einen engeren Freundes- und breiteren Bekanntenzirkel“. Des Weiteren können die verschiedenen Orte, an denen die Einträge in dem Stammbuchverzeichnet sind, als Beleg für existierende Geselligkeitsstrukturen außerhalb der großen urbanen Zentren wie Berlin gesehen werden. Hier sei vor allem Kalbe speziell erwähnt, dadiese Stadt immer wieder in einem positiven Kontext als Erinnerungsort an die gemeinsame Zeit erwähnt wird.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass mir die Arbeit im Gleimhaus großen Spaß gemacht hat und ich zahlreiche neuen Erfahrungen machen konnte. Ich habe miterlebt, wie eine wissenschaftliche Tagung organisiert wird, habe gute Grundkenntnisse im Lesen von Kurrentschrift erworben und konnte durch die Arbeit an dem Stammbuch einen kurzen Einblick in das Lebens eines Heranwachsenden im ausgehenden 18. Jahrhundert erhalten. Außerdem bin ich dem Gleimhaus und speziell Frau Pott für die Möglichkeit mit Original-Quellen zu arbeiten sehr dankbar. Das Gefühl, eine solche historische Quelle in den Händen zu halten, war für mich unerwartet eindrucksvoll und hat mich der Thematik auch emotional nähergebracht, was ich vorher so nicht erwartet hatte.



