Moritz Bense: Praktikum am Gleimhaus Halberstadt
Das obligatorische Praktikum meines Kulturen-der-Aufklärung-Studiums absolvierte ich zwischen Juli und September 2025 im Gleimhaus Halberstadt unter der Leitung von Dr. Ute Pott. Bei dem Gleimhaus handelt sich um eines der ältesten deutschen Literaturmuseen, welches 1862 im ehemaligen Wohnhaus des Halberstädter Dichters, Domsekretärs, Kunstmäzens und Sammlers Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803) eingerichtet wurde. Das Museum umfasst nicht nur eine der größten Privatbibliotheken des 18. Jahrhunderts sowie die größte Portraitgemäldesammlung von Protagonist*innen der Aufklärungsepoche (den sogenannten „Freundschaftstempel“), sondern auch eine umfangreiche Handschriftensammlung mit über 500 Korrespondenzen, die Gleim zu Lebzeiten als „Archiv der Freundschaft“ angelegt hatte. In jenem Literaturarchiv befindet sich unter anderem der Briefwechsel zwischen Gleim und dem Braunschweiger Schriftsteller Justus Friedrich Wilhelm Zachariae (1726–1777), welchen ich im Rahmen meines Praktikums grundlegend erschlossen habe.
Der 1726 in Bad Frankenhausen geborene, 1761 zum Professor der Dichtkunst am Braunschweiger Collegium Carolinum berufene Zachariae gehört heute nicht mehr zum gängigen Literaturkanon. Er war um die Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem für seine satirisch-komischen Versepen bekannt – insbesondere für sein scherzhaftes Heldengedicht Der Renommist(1744), in welchem er ein Sittengemälde des zeitgenössischen Studentenlebens entwarf. Auch in der germanistischen Forschung wird Zachariae nahezu ausschließlich als Verfasser dieser scherzhaften Dichtung betrachtet; eine Auseinandersetzung mit seinem brieflichen Wirken erfolgte bislang nicht. Vor diesem Hintergrund begab ich mich in die Briefsammlung des Gleimhauses.
Abb. 1: Portrait von Justus Friedrich Wilhelm Zachariae (1726–1777) im
Gleimhaus Halberstadt. Gemalt von E. Beckly, 1757.
Bei der Grunderschließung des Briefwechsels zwischen Gleim und Zachariae stieß ich auf mehrere Notizen von Gleims Nachlassbearbeiter Klamer Schmidt (1746–1824), die 1810 verfasst wurden und dem Konvolut beigelegt sind. Eine erste Notiz besagt: „In Gleims reich-haltigem literarischen Nachlasse fanden sich von diesem Briefwechsel 57 Nummern aus dem Zeitraume von 1749–1772.“ Nach genauer Durchsicht der Briefe konnte ich Folgendes feststellen:
1) Die historische Nummerierung der ersten drei Briefe wurde durch Gerlinde Wappler, die zu DDR-Zeiten für die Inventarisierung der Handschriften des Gleimhauses zuständig war, verändert. Den mit „1.“ gekennzeichneten, ohne Jahresangabe versehenen Brief setzte sie (fälschlicherweise) an die dritte Stelle der Korrespondenz (erkennbar anhand der Bleistiftkorrekturen, sieh Abb. 2). Damit einher ging auch eine (falsche) Neuzuordnung der Briefbeigaben. Diese von Wappler herbeigeführte Ordnung des Konvoluts wurde bis dato unhinterfragt beibehalten. Durch Heranziehung weiterer Quellen konnte ich dies korrigieren und nachweisen, dass die originale Reihenfolge der historischen Chronologie der Briefe entspricht. Für das Gleimhaus ergibt sich hieraus die Aufgabe, die alte und historisch korrekte Ordnung der Briefe sowohl im Bestand als auch im Verbundkatalog wiederherzustellen.
Abb. 2: Erster Brief von Zachariae an Gleim ohne Jahresangabe (Gleimhaus, Hs.
A 4469), mit Korrektur der Nummerierung durch Gerlinde Wappler.
2) Von den besagten 57 Nummern fehlen im Bestand des Gleimhauses zwei Briefe (Nr. 53 und Nr. 56). Beide wurden aus nicht nachweisbaren Gründen bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung des Gleimhauses herausgelöst. Infolge meiner Recherchen konnte ich die beiden Handschriften ausfindig machen: Nr. 56 war dank eines Eintrags in Kalliope , einem Verbundkatalog für Nachlässe und Autographen in Bibliotheken, Archiven und Museen, schnell gefunden; sie befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Die Suche nach Nr. 53 gestaltete sich dagegen etwas schwieriger: In Wilhelm Frels’ Monographie Deutsche Dichterhandschriften von 1400 bis 1900. Gesamtkatalog der eigenhändigen Handschriften deutscher Dichter in den Bibliotheken und Archiven Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und der ČSR (1934) stieß ich letztlich auf einen Eintrag zu einem Brief von Zachariae an Gleim aus dem Jahr 1768, welcher sich in der Staatsbibliothek zu Berlin befinden sollte. Zeitlich würde dieser bei Frels angegebene Brief zur gesuchten Nr. 53 passen, da Nr. 52 auf 1766, Nr. 54 auf 1769 datiert ist. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass der besagte Brief ursprünglich zur Autographen-Sammlung der Berliner Staatsbibliothek gehörte, dieses Objekt jedoch im Zweiten Weltkrieg nach Krakau ausgelagert und nach dem Krieg in den Bestand der Jagiellonischen Bibliothek eingearbeitet wurde. Aus Krakau erhielt ich dann endlich die gewünschte Erkenntnis: der Brief von 1768 ist die gesuchte Nr. 53. Dank des Austauschs mit beiden Institutionen und der Bereitstellung von Scans konnten die Lücken im Wissen zum vormaligen Bestand des Gleimhauses (zumindest digital) geschlossen werden. Darüber hinaus fand sich in der Universitätsbibliothek Tartu (Estland) ein weiterer Brief von Gleim an Zachariae, der jedoch nicht zum ursprünglichen Korpus der Gleim’schen Sammlung gehört. Weitere Handschriften aus dem Briefwechsel konnten im Zuge meiner Recherchen allerdings nicht mehr nachgewiesen werden.
In einer zweiten Notiz schreibt Klamer Schmidt weiter: „Die mit Bleifeder angestrichenen Briefe verdienen, meiner Meinung nach, nicht gedrukt zu werden. Die nicht angestrichnen möchten doch nur theilweise jetzt Leser finden.“ Bis auf wenige Ausnahmen weisen nahezu alle Briefe aus dieser Korrespondenz die besagten Bleistiftanstreichungen am Handschriftenrand auf (siehe Abb. 2 u. 3). Daraus lässt sich ein grundlegender Zweifel an der Relevanz der gesamten Briefkonvoluts herauslesen. Eine inhaltliche Durchsicht des Handschriftenkorpus ergab allerdings, dass die Korrespondenz sowohl für die Wissenschaft als auch für ein historisch interessiertes Publikum von Bedeutung ist – aus folgenden Gründen:
1) Der Briefstil von Zachariae ist als besonders zu charakterisieren, da er das Scherzhafte (das hauptsächlich als Stilmittel der Rokoko-Lyrik und der anakreontischen Dichtung fungierte) in die Alltagssprache überführt. In der Briefforschung fand der „scherzhafte Brief“ (im Gegensatz zum „empfindsamen“) jedoch bislang nur wenig Beachtung, obwohl er sich durch eine facettenreiche Funktionalität auszeichnet – unter anderem als beziehungsstiftendes Element.1 Auch Zachariae greift wiederkehrend auf das Scherzhafte zurück (insbesondere als Tadel von Gleims Fauxpas des Nichtantwortens), um seine Nähe und freundschaftliche Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen.
Abb. 3: Scherzhafter Brief von Zachariae an Gleim, Braunschweig, 12. Januar
1753 (Gleimhaus, Hs. A 4471).
2) Am Briefwechsel zwischen Gleim und Zachariae lässt sich zudem der Austausch von Handschriften und Manuskripten als freundschaftliche „Praxis der wechselseitigen Kritik und Verbesserung“2 besonders gut nachvollziehen: Immer wieder übermittelten sich die beiden einander ihre Werke zur gegenseitigen Begutachtung. Anhand der wenigen überlieferten Briefbeigaben und den darin zu findenden Korrekturen erkennt man darüber hinaus die gängige Praxis des kollaborativen Schreibens.
3) Die Briefe von Zachariae geben zudem einen aufschlussreichen Einblick in den großen Literaturstreit der Schweizer Philologen Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger mit Johann Christoph Gottsched in Leipzig. Sie dokumentieren eindrücklich einen 1755 durch polemische Dichtung ausgelösten, einjährigen Rechtsstreit zwischen Zachariae und Gottsched. Darüber hinaus beleuchten sie auch Gleims Positionierung in diesem historischen Geschehen und Zachariaes Bemühungen, seinen Brieffreund davon zu überzeugen, ebenfalls gegen Gottsched in den ‚Federkrieg‘ zu ziehen.
4) Der Briefwechsel thematisiert des Weiteren das große politische Ereignis des Siebenjährigen Krieges. Detailreich berichtet Zachariae Gleim von dem Verlauf des Krieges, der Verschiebung der Frontlinien sowie den Siegen oder Niederlagen der jeweiligen Truppen. Zudem lässt sich anhand der Briefe Gleims veränderte Einstellung zum Krieg respektive der Umschlag seiner anfänglichen Euphorie (die sich im Verfassen von patriotischen Kriegsliedern in der Rolle eines preußischen Grenadiers niederschlägt) hin zum Kriegsverdruss in Folge des Todes seines Freundes Ewald Christian von Kleist (1759) nachzeichnen.
Allein diese vier Punkte verdeutlichen, dass sich entgegen Klamer Schmidts Einschätzung eine Edition des Briefwechsels zwischen Gleim und Zachariae in jedem Fall lohnen würde.
Abseits der Grunderschließung des Gleim-Zachariae-Briefwechsels unterstützte ich Dr. Pott zudem bei der Vorbereitung einer neuen Edition zu Friedrich Gottlieb Klopstock, die in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Kai Kauffmann (Universität Bielefeld) entsteht und 2026 herausgeben werden soll. Es handelt sich hierbei um eine Auswahledition von insgesamt 60 Texten, die sich aus 30 Briefen und 30 Gedichten zusammensetzen und in enger Verschränkung das Leben und Wirken des Dichters widerspiegeln. Im Zuge dessen habe ich zur Erschließung der ausgewählten Briefe durch Stellenkommentare beigetragen sowie ein kommentierendes Namensregister erstellt.
Das Praktikum im Gleimhaus empfand ich in mehrfacher Hinsicht als überaus bereichernd: Zum einen konnte ich mein im Studium angeeignetes theoretisches Wissen (insbesondere in Bezug auf den Brief sowie den Freundschaftskult des 18. Jahrhunderts) an einem konkreten historischen Quellenmaterial erproben und vertiefen. Zum anderen ermöglichte mir der Umgang mit den originalen Handschriften, meine im Laufe des Studiums erworbene Lesefähigkeit der Kurrentschrift weiter auszubauen und zu verbessern. Des Weiteren erhielt ich aufschlussreiche Einblicke in den Bereich der Editionswissenschaft und lernte, was es bedeutet, eine kritische Edition zu konzipieren und zu realisieren. Die im Praktikum gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse dienen mir als äußerst hilfreiche Grundlage für meine kommende Abschlussarbeit, in welcher ich den von mir grundlegend erschlossenen Briefwechsel zwischen Gleim und Zachariae nun ebenfalls kritisch edieren und literaturwissenschaftlich weiter erschließen möchte.
Ich bedanke mich ganz herzlich beim gesamten Team des Gleimhauses und insbesondere bei Dr. Ute Pott für die außerordentlich freundliche Betreuung und fachkundige Unterstützung.
Moritz Bense
1 Vgl. Ute Pott: Der scherzhafte Brief. In: Reimar F. Lacher (Hg.): Scherz. Die heitere Seite der Aufklärung. Göttingen 2019, S. 21–30, hier S. 21.
2 Erika Thomalla: Anwälte des Autors. Zur Geschichte der Herausgeberschaft im 18. und 19. Jahrhundert. Göttingen 2020, S. 121.



