Tom Klitzsch: Praktikum an der Kant-Forschungsstelle der Johannes Gutenberg Universität Mainz
Mein Projektpraktikum im Rahmen des interdisziplinären Masterstudiengangs „Kulturen der Aufklärung“ absolvierte ich von Juni bis Juli 2025 an der Kant-Forschungsstelle der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (KFS). Warum nun gerade Mainz, wenn doch im Hallenser Umland viele Kulturinstitutionen beheimatet sind, die attraktive Möglichkeiten für eine projektbezogene Zusammenarbeit bieten? Der Grund für die Wahl des Projektpartners lag darin, dass ich im Rahmen meines Philosophiestudiums sowie im Zuge des Masters verschiedenste Lehrveranstaltungen zu Immanuel Kant besuchte und sich auch meine Masterarbeit in weiten Teilen mit der Philosophie Kants auseinandersetzt – nicht zuletzt war meine Faszination für die Transzendentalphilosophie eines der gewichtigsten Momente für die Entscheidung, mich in den Master „Kulturen der Aufklärung“ einzuschreiben. Entsprechend konnte die Arbeit an der Verbreitung und Erforschung dieses Bereichs meinen Fachkenntnissen nur zugutekommen. So beherbergt die Forschungsstelle eine umfangreiche Kantiana-Sammlung, deren Bestand nicht über die Mainzer Universitätsbibliothek zugänglich ist und aus deren reichen Fundus sich Wissenschaftler*innen aus aller Welt bedienen, um die Erforschung der kritischen Philosophie voranzubringen. Auch befindet sich die Redaktion der Kant-Studien in der KFS; eine Zeitschrift, zur Erforschung der Philosophie Kants, die mich bereits über mein gesamtes Studium begleitet. Die 1990 von Prof. Rudolf Malter (1937-1994) gegründete Forschungsstelle leitete von 2008-2014 der nun in Halle lehrende Prof. Heiner F. Klemme, was mir einen unkomplizierten Zugang zu meinem Praktikumsplatz verschaffte. Gegenwärtig hat Dr. Margit Ruffing die Geschäftsführung der KFS inne.
Wie bereits oben erwähnt befindet sich mit der Kantiana-Sammlung ein großer Umfang an Literatur von und zu Kant in der KFS. Mein primärer Arbeitsauftrag bestand nun in der neuen Systematisierung, Katalogisierung und Inventarisierung dieser Sammlung. Zu diesem Zweck verglich ich zuerst die auf der Homepage der KFS verlinkten Dokumente mit dem analogen Bestand. Dabei fiel auf, dass diese aufgrund neu hinzugekommener Literatur nicht mehr auf dem neusten Stand waren und die bibliographischen Angaben keiner einheitlichen Systematik folgten, sodass, um als Grundlage für die Forschung zu dienen, der Bestand neu aufgearbeitet werden musste. Dies sollte nun um so schneller geschehen, als Frau Ruffing nach dem Wintersemester 2025/26 in Ruhestand geht. Da sie, schaut man von einigen studentischen Hilfskräften ab, die Forschungsstelle im Alleingang betreut und von den weiteren Pflichten des akademischen Betriebs nicht ausgenommen ist, blieb schlichtweg keine Zeit, um diese Arbeit zu bewältigen. Hinzu kommt, dass sich in der KFS noch Material von Rudolf Malter befindet, in dem er sich mit der Biographie Kants, der zeitgenössischen Rezeption seiner Philosophie oder Personennetzwerken um Kant auseinandersetzte. Aufgrund der persönlichen Arbeitsbeziehung von Frau Ruffing und Herrn Malter war es deswegen sinnvoll, noch in ihrem Beisein das Material zu sichten und dies nicht ihrem Nachfolger zu überlassen.
Die Kantiana-Sammlung setzt sich aus dem Bestand wie folgt zusammen: Übersetzungen kantischer Schriften, Monographien, Zeitschriftenreihen und -sondernummern, Sammelbände und Aufsätze zu Kant, sowie Kongressakten und Jubiläumsschriften zu Geburts-und Todestagen Kants oder zur Edition seiner Werke. Das Ziel war es, die vorhandene Literatur in einer solchen Form neu aufzunehmen, dass sie problemlos in eine Datenbank exportiert werden kann, um einen erleichterten Zugriff auf das gesamte Material durch die Forschung zu gewährleisten. Die Systematisierung der Übersetzungen kantischer Schriften wurde bereits ohne mein Beisein von einer studentischen Hilfskraft des philosophischen Seminars besorgt, sodass ich mit den verbliebenen Teilen des Bestandes beschäftigt war. In diesem Zusammenhang muss ich einräumen, dass ich zunächst davon ausging, dass die Bestände einer so renommierten Institution vollständig geordnet und übersichtlich erschlossen seien. Im Verlauf der Arbeiten zeigte sich jedoch, dass ein Teil der Literatur bislang noch nicht katalogisiert war und selbst für die in Mainz tätigen Forschenden kein vollständiger Überblick über die Sammlung bestand. Zudem erwies sich die frühere Bestandsaufnahme als vergleichsweise unübersichtlich, sodass die mit mir zusammenarbeitende studentische Hilfskraft und ich zu dem Schluss kamen, eine Neuaufnahme der Bestände von Grund auf vorzunehmen, um eine klarere Struktur zu schaffen. Frau Ruffing ließ uns dabei viel Raum zum selbstständigen Arbeiten, sodass wir auf der Basis grundsätzlicher Absprachen unsere Tätigkeit über weite Strecken jedoch eigenverantwortlich planen konnten.
So begann ich damit, die vorhandenen Jubiläumsschriften neu zu sichten und in eine überschaubare Ordnung zu bringen. Dabei handelte es sich nicht bloß um Monographien oder Sammelbände, sondern auch um Zeitschriften- und Zeitungsartikel, allesamt in nur grob chronologisch vorsortierten Aktenordnern abgeheftet, sodass zur bibliographischen Erfassung weitere Recherchen erforderlich waren, um die Materialien darauffolgend chronologisch zu katalogisieren. Darunter fanden sich auch Artikel, die noch nicht in die Aufsatzsammlung der KFS aufgenommen waren. In einem solchen Fall – oder wenn neue Forschungsliteratur hinzukommt – wird eine Kopie des jeweiligen Texts angefertigt, die dann im Archiv der KFS hinterlegt wird. Hier befinden sich alle jemals publizierten Aufsätze zur Philosophie Immanuel Kants, die der KFS zugänglich geworden sind. Bezüglich der Monographien, Sammelbände und Kongressakten ging die Bestandsaufnahme weit leichter vonstatten. Hier musste der Bestand ausschließlich neu katalogisiert werden. Eine Aufgabe, die zwar nicht schwer zu bewerkstelligen war, dafür allerdings um so mehr Zeit in Anspruch nahm.
Blick ins Archiv der Kant-Forschungsstelle im Keller der Universität
Die in der Forschungsstelle verbliebenen Kantiana-Sammlungen zu von Rudolf Malter betriebenen und durch seinen jähen Tod nicht abgeschlossenen Projekten stellten eine andere Herausforderung dar. So galt es, das Material zu sichten und sodann zu überlegen, inwiefern es noch Relevanz für die Forschung besitzt. Diese Arbeit kann ich nur in aller Kürze skizzieren: In der KFS befinden sich bereits thematisch systematisierte Aktenordner, die Malter selbst angelegt hatte. Das noch nicht gesichtete Material bestand nun beispielsweise aus einer großen Menge Karteikästen, in denen sich durch römische und arabische Ziffern sortierte Karten befanden, die sich teilweise den bereits vorhandenen Ordnern zuweisen ließen. Das war allerdings nicht ohne Weiteres mit allen Notizen möglich, da die Codierung scheinbar nicht einheitlich war (eine Situation, die man sich im Hinblick auf Literaturverwaltungsprogramme heute nicht mehr vorstellen mag). So konnte diese Arbeit im Zeitraum meines Praktikums auch nicht abgeschlossen werden. Des Weiteren fand ich eine Vielzahl an historischer Literatur aus dem 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts vor, die Herr Malter anscheinend antiquarisch erworben hatte und die dann ebenso in die Kantiana-Sammlung aufgenommen werden musste. Hinzu kamen zahlreiche Notizen zu nicht vollendeten oder gar nicht begonnenen Projekten, Korrespondenzen Malters mit Kolleg*innen aus aller Welt, eine Vielzahl an Filmrollen usw. Eine abschließende Einschätzung dieser Materialien war in meiner Zeit in Mainz aufgrund des großen Umfangs und der erforderlichen zeitaufwändigen Überprüfung und Einordnung nicht mehr möglich.
Fund im hinterlassenen Material Rudolf Malters: Kurthe, Walter: Kants
Wohnhaus. Zeichnerische Wiederherstellung mit näherer Beschreibung. 2. Aufl.,
Königsberg: Gräfe und Unzer, 1924.
Resümierend war der Einblick in die Arbeit der KFS, die ich vorher nur von außen kannte, in der Hinsicht eine Bereicherung, als ich Einsicht in die konkreten Aufgaben und Projekte der Forschungsstelle nehmen konnte. Gerade ihre primär historische Ausrichtung kann im heutigen Forschungsumfeld nicht genug gewürdigt werden. Dass eine solche Orientierung für die Arbeit mit philosophischen Texten unerlässlich ist, bildet eine Einsicht, die ich in meinen eigenen Projekten methodisch zu integrieren versuche. Auch war es mir möglich, neben der Arbeit in der KFS an Kolloquien des philosophischen Seminars teilzunehmen. Hinzu kam, dass ich vor offiziellem Beginn meines Praktikums den internationalen Workshop Kant and the Norms of Reflection: A Revaluation of the Synthetic Apriori besuchen konnte, der den Abschluss einer dreiteiligen Reihe bildete, die der für Kant so zentralen Frage nach der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori in seinen drei Kritiken nachging. Grundsätzlich eröffnete sich mir während des Praktikums ein Problemfeld, von dem nicht bloß die KFS betroffen ist: Die Digitalisierung von Forschungsbeständen. Von Rudolf Malter gewissermaßen als analoge ‚Werkstatt‘ ins Leben gerufen, sieht sich die Institution nun vor der Herausforderung, dieses Erbe in digitale Strukturen zu transformieren. Vor diesem Hintergrund war es besonders interessant, den Wandel von einer analogen Organisation über frühe Formen der digitalen Systematik bis zu aktuellen Ordnungsinstrumenten zu beobachten und zu begleiten. Gerade dieser Aspekt des Praktikums hat mein Problembewusstsein geschärft, wird die gegenwärtige Arbeit mit digitalen Tools im Studium doch allzu schnell zur unhinterfragten Selbstverständlichkeit.
Mein besonderer Dank gilt Dr. Margit Ruffing, die mir das Praktikum in Mainz ermöglichte und mir von Anfang an Vertrauen entgegenbrachte.



